Warum ich mich gerne von Gay Dating-Apps verabschieden würde

Hallooooo Mr. Inkonsequent.

Als vor einigen Jahren eine App in den virtuellen Einkaufsläden der Smartphones aufgetaucht ist, mit der man sehen kann, welche Jungs in der näheren Umgebung schwul und auf der Suche nach Dates, Liebe oder etwas Körperkontakt sind, wurde der homosexuelle Datingmarkt revolutioniert. Ich erinnere mich noch, dass ich damals ein kleines bisschen schockiert war, dass Leute tatsächlich mit ihrem Handy nach Typen Ausschau halten, die nur wenige Meter entfernt, bereit für ein Abenteuer sind, dass meistens nur wenige Kleidungsstücke involviert. Mittlerweile gibt es unzählige dieser Apps und es ist schon fast selbstverständlich, dass jeder Single – egal ob homo oder hetero – sie ausprobiert hat.

>>> Nein, es ist kein Kompliment 'heterolike' zu sein

Tja und auch bei mir war es vor ein paar Wochen mal wieder so weit. Ich habe mir ein paar Dating-Apps auf mein brandneues, supercooles Smartphone geladen. Aber warum eigentlich? Ich weiß doch, dass ich sowieso keine Lust an einer schnellen Nummer habe und es ziemlich unwahrscheinlich ist, die große Liebe via App zu finden (ja, ja, soll es alles schon gegeben haben). Und ganz ehrlich, meistens bin ich auch ein bisschen zu faul, um mich wirklich mit einer fremden Person auf einen Kaffee zu treffen. Wenn man erst mal älter als 25 ist, wird es ja schon schwer, all die Verpflichtungen des echten Lebens unter einen Hut zu bekommen. Doch die verdammte Hoffnung, doch einen Jungen zu finden, mit dem man entspannt vor dem Spätkauf ein Getränk trinken oder dämliche Filme in der Sneak Preview anschauen kann, ist einfach nicht totzukriegen.

(An dieser Stelle sollte ein kluges Zitat über die Hoffnung von Oscar Wild, Rilke oder Goethe stehen, da ich aber keins gefunden habe, müssen meine Worte reichen.)

So und jetzt wird gemeckert. Warum ich trotz inkonsequenter Nichtnutzung
Dating-Apps doof finde:

Dating-Apps sind so verdammt oberflächlich.

Das Leben an sich ist schon verdammt oberflächlich. Egal wo man hinschaut, wird die Schaltzentrale im Kopf mit wunderschönen Menschen und makellosen Körpern zugeballert. Wahrscheinlich gibt es nur sehr wenige Leute, die auf der
Traummannliste das Attribut ‘unattraktiv’ stehen haben. Daran ist auch erst mal nichts verkehrt. Nur bleibt einem bei einer App nicht viel anderes übrig, als eine Person nach dem Aussehen zu beurteilen. Das tue ich und das tun so ziemlich alle anderen. Und trotzdem möchte ich nicht gerne so oberflächlich über andere Menschen urteilen und sie aufgrund eines einzigen Bildes nach links oder recht (aka den potenziellen Lover-Einkaufswagen) swipen. Lernt man eine Person im echten Leben kennen, sind so viele andere Kriterien in der Waagschale. Der Charakter und vor allem der Humor können die Attraktivität einer Person ganz schön verändern.

Doch nicht nur gegenüber anderen Menschen sind mir Dating-Apps zu oberflächlich, sondern auch mir selbst gegenüber. Ich verschwende so viele Gedanken daran, welches Bild denn nun das geeignetste ist, um fremde Menschen davon zu überzeugen, dass ich ein klasse Typ bin. Auf welchem Foto sehe ich hübsch aus und cool und sympathisch, aber auch so, das mich die andere Person im Falle eines echten Dates wiedererkannt (nur ein kleines bisschen schöner als die Realität). Hätte ich ein Sixpack, müsste ich mir wahrscheinlich auch noch Gedanken machen, ob ich mich mit oder ohne Shirt fotografieren soll. Dabei gibt es doch viel mehr, dass man an sich selbst schätzen kann, als das süße Mirror Selfie.

It’s all about Sex, Baby!

Auch wenn ich versuche mir immer wieder einzureden, dass es bei Grindr und Co. nicht immer nur um das Eine geht, ist die Realität: Es geht nur um das Eine. Zumindest fast nur. Ich habe nichts gegen Sex. Und wer Lust hat, sich via Smartphone auf ein 500 m entferntes Nümmerchen zu verabreden, soll das tun. Mir fehlt dabei nur meisten irgendwie ein bisschen Inhalt, ein bisschen mehr als nur die Fleischeslust. Ich muss nicht direkt im Profiltext über die sexuellen Präferenzen einer Person aufgeklärt werden. Sollte diese Information interessant werden, kann man das immer noch im Privaten austauschen. Die Frage ‘Top oder Bottom’ scheint für viele ein geeigneter Beginn einer Unterhaltung zu sein, als ein simples ‘Hi’. Ich möchte aber weiterhin daran glauben, dass es relevantere Informationen als Penisgrößen und die beliebtesten Sexpraktiken gibt.

Dating-Apps verschwenden so viel Zeit.

Wenn ich mich mal wieder bei einer der Apps angemeldet habe, merke ich immer, wie viel Zeit ich investiere, um mich durch Profile zu klicken und Nachrichten hin und her zu schreiben. In den meisten Fällen verlaufen die Chats dann aber sowieso wieder im Sand, weil sich die andere Person, die ich ganz interessant finde, nicht mehr meldet oder ich keine Lust habe, das Risiko eines enttäuschenden Treffens einzugehen. Klar, ich kenne auch Leute, für die funktionieren Dating-Apps super und sie treffen sich ständig mit Typen. Aber das ist gar nicht was mich interessiert. Mir ist ein qualitatives Date viel lieber als viele mittelmäßige.

Die Realität verschwimmt.

Da man auf einer Dating-App einen Menschen nur durch ein Bild beurteilen kann, muss man den Rest im Kopf ergänzen. Meistens fügt man selbst noch ein paar Ideale hinzu, um die Person auf der anderen Seite des Smartphones zum perfekten Date zu machen. Nur leider ist es fast unmöglich, dass diese andere Person, die übergestülpten Erwartungen auch erfüllt. In den meisten Fällen ist ein Date doch ganz schön anders, als man es sich vorher vorgestellt hat (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Da ist es doch gleich viel angenehmer jemanden im echten Leben kennenzulernen, denn da weiß man gleich viel besser, worauf man sich einlässt, wenn man sich auf ein kühles Bier verabredet.

Auch in der Kommunikation geht die Realität leider oft Flöten. Im Netz sagt man dann doch gerne Dinge, die man in echt niemals zu einem Fremden sagen würde. Schnell vergisst man, dass es die Person, mit der man chattet, (im besten Fall) tatsächlich gibt und man dem Penisfoto, dass man eben noch auf dem Handydisplay bewundert hat, im nächsten Moment beim Spaziergang durch die Stadt über den Weg laufen kann.

>>> Wer ist in einer schwulen Beziehung eigentlich die Frau?

Auch wenn ich selber ab und zu rückfällig werde und ich mich immer wieder durch die Profile verschiedenster Dating-Apps klicke, würde ich mir wünschen es nicht zu tun (Halloooo, Mr. Inkonsequent). Das Erlebnis einen Typen in einer Real-Life-Situation kennenzulernen ist doch so viel aufregender. Auf einer Dating-App ein vernünftiges Date zu finden ist am Ende dann doch genauso selten. Hätte ich im Matheunterricht besser aufgepasst, hätte ich jetzt sicher viel mehr Ahnung von Wachstumstabellen und Statistiken, und könnte faktisch belegen, dass man über eine App wahrscheinlich genauso selten einen tollen Typen trifft, wie im Supermarkt um die Ecke. Also könnte man doch gleich auf die virtuelle Realität verzichten und öfter mal an der Gemüsetheke abhängen. Wäre auch besser für den Beach Body … ist ja bald wieder Sommer.

Ach so, und nicht vergessen, mich bei Facebook anzustubsen.

Text: Sebastian Schlecht

Montag, 25. April 2016