VIVA History: Diskriminierung von Homosexuellen im Laufe der Geschichte

Ihr wundert Euch über Homophobie heute? Dann schaut Euch erst mal die Geschichte der Homophobie an.

Hier bei uns in Europa kann man als Homosexueller ziemlich frei bewegen und tun und lassen, was man will. Doch trotz aller Antidiskriminierungsgesetze, eingetragenen Partnerschaften (oder in manchen Ländern sogar Ehen) und dem offenen Umgang der Median mit Homosexualität, gibt es immer noch viele Menschen, in deren Köpfe Vorurteile gegenüber Homosexuellen festsitzen. Wenn man sich die Geschichte anschaut, wundert es kaum, dass Homosexualität auch heute noch stigmatisiert ist und viele Homosexuelle mit Diskriminierung zu kämpfen haben.

Sitzt Ihr alle brav an Euren Tischen? Dann Ruhe bitte, denn der Geschichtsunterricht beginnt jetzt:

Im klassischen Altertum war Homo- und Bisexualität weit verbreitet und wurde toleriert. Doch mit der Ausbreitung des Christentums wurde Homosexualität seit dem 4. Jahrhundert in fast allen christlichen Staaten mit dem Tod bestraft. Homosexualität galt als zwecklos, da die Sexualpraktiken nicht der Fortpflanzung dienten und somit der zum Staatsdogma erhobenen Fortpflanzungsmoral entgegen stand. Genauso war allerdings auch Analverkehr unter Heterosexuellen verboten. Man sagte, dass Homosexuelle schuld daran sind, dass Gott die Gerechten sowie Ungerechten gleichermaßen mit Plagen, Erdbeben, Hungersnot und Pestilenz bestraft. Klar, dass da niemand Lust drauf hatte, weswegen Homosexuelle von allen ziemlich verachtet wurden. Durch die Kriminalisierung und die Fortpflanzungsmoral entstand die Minderheitsposition der Homosexuellen. Im Jahre 1532 wurde die Strafe für Homosexuelle mit dem Artikel 141 angepasst. Sie lautete Tod durch Verbrennung. Wie viele Homosexuelle tatsächlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, ist nicht genau überliefert. Weil es schon Sünde war, homosexuelle Handlungen zu nennen, wurden sie in den christlichen Chroniken kaum dokumentiert. Außerdem wurden oft die Gerichtsakten samt dem Verurteilten verbrannt, um nichts von der Sünde übrig zu lassen.

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Erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurden aufgeklärtere Strafen durchgesetzt. In Österreich stufte das neue Gesetzbuch von 1787 Homosexualität unter die politischen Verbrechen ein und bestrafte sie mit Gefängnis, Arbeitslager und Prügel. Im Gegensatz zu Preußen, wo Homosexualität nie als straffrei erklärt wurde, wurde in Bayern 1813 die Todesstrafe direkt in völlige Straflosigkeit umgewandelt. Diesem Beispiel folgten auch andere deutsche Staaten und hoben die Strafbarkeit auf oder schränkten das Strafmaß ein. Durch den Einfluss des juristischen Denkens wurde Homosexualität nicht mehr als Verbrechen gesehen, doch mit der Formulierung eines neuen ‘Naturrechts’ zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das bestimmte, dass die Natur der Sexualität der Fortpflanzung dienen muss und Zuwiderhandlungen also wider der Natur sind, wurden Menschen, die sich ‘sexuell unvernünftig’ verhielten als krank diagnostiziert. Homosexuelle wurden nun also nicht mehr strafrechtlich verfolgt, sondern für krank erklärt. Heilungsversuche bestanden unter anderem aus ‘Ehetherapie’, also Heirat, kalte Bäder, harte Arbeit, Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin. Sollten all diese Therapien kein positives Ergebnis erzielen, wurde man in die Irrenanstalt eingewiesen.

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Im Zuge der Industrialisierung entstand in den immer größer werdenden Städten eine homosexuelle Subkultur, deren Mitglieder aber immer auf Anonymität bedacht sein mussten. Zu dieser Zeit war Dr. Karl Heinrich Ulrichs einer der ersten homosexuellen Freiheitskämpfer. Er forderte in seinen Schriften Homosexuelle auf sich zu organisieren, was zu dieser Zeit durch die staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung nicht einfach war, da die meisten nicht wussten, dass es außer Ihnen noch viele andere Homosexuelle gibt. Ulrichs stellte im Rahmen des ‘Naturrechtes’ seiner Zeit die Frage, was naturgemäß sei und was nicht. Und folgerte daraus, dass jeder Mensch für seine eigene Natur bestimmt sei.

Der Paragraph 175 wird in die Gesetzbücher übernommen.

Trotz allen Protestes seitens aufgeklärter Mediziner und Juristen, die die Strafbarkeit von gleichgeschlechtlichem sexuellen Kontakt als unnötig und auf „mittelalterlich-irrigen Annahmen“ beruhend empfanden, wurde 1872 der Paragraf 175 StGB in die Gesetzbücher aller deutschen Staaten übernommen. Somit ging eine Epoche zu Ende, in der in einigen deutschen Staaten zwischen 1813 und 1871 Homosexualität straffrei war. Laut Paragraf 175 wurde der sexuelle Kontakt zwischen Menschen des gleichen Geschlechtes mit Gefängnis bestraft. Größer als die Menge der Verurteilten war jedoch die Zahl derer, die den Folgen der gesellschaftlichen Diskriminierung zum Opfer fielen. Erpressung war an der Tagesordnung und wurde zum Geschäft. Das Wissen darüber, dass jemand homosexuell war, bedeutete große Macht, aus der sich Kapital schlagen ließ. Viele Homosexuelle sahen den letzten Ausweg aus strafrechtlicher Verfolgung, Erpressung oder gesellschaftlicher Diskriminierung im Selbstmord.

Gleichzeitig entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Subkultur. Homosexuelle trafen sich in Bars – in Berlin waren vor dem Ersten Weltkrieg etwa 40 Lokale bekannt. Trotzdem waren die Orte, an denen sich Homosexuelle trafen von Anonymität bestimmt. Auch die glamourösen, um die Jahrhundertwende aufkommenden ‘Urningsbälle’, in der sich liberal und tolerant gebenden Weltstadt Berlin, bei denen sogar das Tanzverbot von Männern untereinander stillschweigend außer Kraft gesetzt wurde, wurden immer von Geheimpolizisten überwacht. Sexueller Kontakt zwischen Gleichgeschlechtlichen wurde kaum im eigenen Zuhause praktiziert, oft wurde sich abends in dunklen Parks getroffen. Viele Homosexuelle bevorzugten den Schutz in überschaubaren Freundeskreisen und feste soziale Beziehungen. Oft hatten schwule Männer eingeweihte Alibi- Freundinnen.

Mit de Zeit entstanden immer mehr Bürgerrechtsorganisationen. Bürgerrechtler kämpften für die Beseitigung der Ursachen der Verfolgung von Homosexuellen, also z.B. dem Paragraf 175, denn das negative Echo gegenüber Homosexuellen wuchs immer weiter. Durch den öffentlichen Kampf gegen die Diskriminierung, wuchs auch das Selbstbewusstsein der homosexuellen Männer und Frauen. In der Weimarer Republik wurde die Homosexuellenbewegung immer größer. Auf der Basis der ersten demokratischen Verfassung Deutschlands, die Koalitions- und Versammlungsfreiheit, Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse garantierte, entwickelte sich eine große und breite homosexuelle Kultur. Autoren bekannten sich in Ihren Schriften zu ihrer homosexuellen Neigung und sogar ein erster Film mit homosexueller Thematik kam in die Kinos. Die von den linken Parteien angestrebte Abschaffung des Paragrafen 175 scheiterte jedoch an den mangelnden Mehrheitsverhältnissen.

Der Machtantritt der NSDAP

‘Mit einem Schlage wurde es anders in Deutschland. Aller Schmutz und Schund verschwand aus der Öffentlichkeit.’

Diese Worte des Chronisten Adolf Sellmann beschreiben deutlich den Umbruch, den es mit dem Machtantritt der NSDAP in Deutschland gab. Denn mit dem Machtantritt beginnt die in der neueren deutschen Geschichte bisher schlimmste Verfolgung von Homosexuellen. Unter der Regierung der NSDAP wurde am 28. Juni 1935 der Paragraf 175 verschärft und machte nun alle Handlungen zwischen Gleichgeschlechtlichen illegal, nicht nur den sexuellen Akt an sich, jede Berührung konnte als ‘kriminelle Unzucht’ gedeutet werden und reichte für eine Verurteilung aus. Neben der Verschärfung der Gesetze wurden erstmals auch Listen mit vermeintlich Homosexuellen erstellt. Aus Angst vor dem Regime und Verhaftung wurden schnell alle Lokale der Homosexuellenszene geschlossen. Die Vorreiter der Bürgerrechtsbewegung für Homosexuelle verschwanden in der Anonymität. Massenweise Homosexuelle wurden verhaftet und landeten oftmals in Konzentrationslagern. Viele wurden aufs Übelste gequält und misshandelt, sodass die wenigstens die Inhaftierung in den KZs überlebten.

In der Zeit des Dritten Reiches wurde die Homosexuellenverfolgung aufgrund rassenhygienischer Grundlagen bis ins Extreme verschärft. Ziel war eine ‘Endlösung’ der Homosexuellenfrage. Die oftmals öffentlichen und spektakulären Prozesse, auch gegen Politiker, dienten gleichzeitig der Festigung der Meinung im Volke gegenüber Homosexuellen. Die Diskriminierung wurde geschürt, um die Verfolgung zu legitimieren.

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Auch wenn im Laufe der jüngeren deutschen Geschichte die Verfolgung und Diskriminierung der Homosexuellen nie wieder so extrem und radikal war wie zur Zeit des Nationalsozialismus blieben die Strukturen und die juristischen Begründungen weiterhin ähnlichen. Bis in die 70er Jahre galt Homosexualität als psychische Erkrankung und wurde verfolgt. Der Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch gestrichen.

Puh, ganz schön langer Text!

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Montag, 02. Mai 2016