Warum "Noah" nicht der fromme Bibelschinken ist, für den Ihr ihn vielleicht haltet

Heute beginnt Russell Crowes und Emma Watsons Überlebenskampf gegen die Sturmfluten im Kino. Schwimmt oder kentert das Bibel-Epos?

Regisseur Darren Aronofsky – dafür bekannt, seine Hauptfiguren auf abgründige Reisen wie etwa Mickey Rourke in „The Wrestler“ oder Natalie Portman in „Black Swan“ zu schicken – machte Russell Crowe angeblich folgendes Versprechen, als er ihm die Hauptrolle für sein neues Filmprojekt anbot: „Keine Angst, du wirst nicht die ganze Zeit in Sandalen rumlaufen.“ „Noah“ ist tatsächlich alles andere geworden als ein klassisches Bibelabenteuer für den Sonntagnachmittag. Die moderne Hollywood-Version der Geschichte um Sintflut und Arche ist so düster wie bildgewaltig – Und für Blockbuster-Verhältnisse eben überraschend abgründig.

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Inhaltlich hält sich der Film nur grob an die Geschichte aus dem Alten Testament: Nachdem ihm Gott in einem Traum den Weltuntergang durch eine Sturmflut prophezeit, reist Noah (Russell Crowe) zusammen mit seiner Frau Nameeh (Jennifer Connelly) und seinen Söhnen Ham (Logan Lerman) Shem (Douglas Booth) und Japheth (Leo McHugh Carroll) zu Großvater Methusalem (Anthony Hopkins), um bei dem alten Weisen Rat zu suchen. Auf dem Weg nehmen sie außerdem das Weisenmädchen Ila (Emma Watson) auf. Methusalem offenbart seinem Enkel, dass er auserwählt wurde, um die Schöpfung Gottes zu retten. Dazu will er eine riesige Arche bauen, die Platz für je ein Exemplar jeder Spezies des Planeten bieten soll. Doch hat die Menschheit überhaupt eine Zukunft verdient?

“Noah” versteht sich eher als großspuriges Fantasy-Epos statt als akribische Bibelnacherzählung. Spektakuläre Landschaftsaufnahmen, Massenschlachten und aufwendige Weltuntergangssequenzen stehen also auf dem Programm. Der Film geht für Hollywood-Verhältnisse dabei mit der Menschheit überraschend kompromiss- und erbarmungslos ins Gericht. Selbst Noah, am Anfang noch blumenstreichelnder Vorzeit-Hippie, wandelt sich im Laufe des Films zum kahlgeschorenem Religionsfanatiker. Das entspricht sicherlich nicht jedermanns Vorstellung des Weltenretters, bietet aber immerhin ordentlich Diskussionsstoff. Russell Crowe legt dabei locker seine beste Performance seit seiner Oscar-prämierten “Gladiator”-Darstellung hin. Der Australier trägt den Film auf seinen Schultern, wie die Arche das Schicksal der Welt.

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Fans der jüngeren Schauspielriege müssen sich zunächst etwas gedulden. Insbesondere Emma Watsons Ila nimmt erst in der zweiten Hälfte des Films eine wichtigere Rolle ein. Hier darf sie dann aber auch zeigen, dass sie problemlos neben alten Filmhasen wie Crowe oder Anthony Hopkins auf der Leinwand glänzt. Das Frauenbild des Films ist allerdings etwas problematisch. Die Damen der Schöpfung dienen hier allein dazu, ihre Männer glücklich zu machen oder ihnen Kinder zu schenken. Letzteres funktioniert dann teilweise auch erst durch den Fruchtbarkeits-Touch von Opa Hopkins. Ob das jetzt einfach nur schrecklich altbacken ist oder doch versteckte Kritik an der Rolle der Frau in den Weltregelionen, muss aber letztendlich jede/r für sich selbst entscheiden.

Fazit:
Einerseits voll mit überholten Klischees und unnötiger Effekthascherei, anderseits überraschend abgründig sowie bildtechnisch visionär: “Noah” ist ein zweischneidiges Schwert, das allerdings manchmal richtig dufte zuhaut. Die aufwendige Neuerzählung des wohl ältesten Endzeitspektakels der Welt macht es zwar keinem so richtig recht, vielleicht liegt aber gerade darin ihr Reiz.

Kleine Anmerkung in eigener Sache: Ab nächster Woche lest Ihr auf VIVAs neuem Kinoblog alle Artikel rund ums Filmgeschehen gesammelt an einem Ort. Stay tuned!

Mittwoch, 02. April 2014