Behind The Scenes Music Industry: Ist Vinyl tot?

Kauft heute eigentlich noch jemand richtige Schallplatten? Oder ist dieses Medium schon längst am Ende?

Behind The Scenes Music Industry: Ist Vinyl tot?

Sonntag, 19. August 2012

Wenn Faithless den Song God Is A DJ nicht im Jahr 1998, sondern 2012 rausgebracht hätten, würde er vielleicht den etwas längeren Titel "God Is A DJ Because He Has Got A Notebook" tragen.

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In den Clubs dieser Welt starren immer mehr DJs auf Bildschirme, scrollen mit gerunzelter Stirn durch eine Liste von mp3s, anstatt sich über einen prallen Plattenkoffer voller Vinyls zu beugen. Die digitale Revolution macht auch vor dem DJ-Pult nicht Halt, und das nicht erst seit gestern. Nach dem Siegeszug von CD-Playern brach in der Szene bald eine neue Ära an: Timecode heißt das Zauberwort, das DJs mit leichterem Gepäck im Club einchecken lässt.

Aber heißt das, dass richtiges Vinyl auf dem Sterbebett liegt? Aus die Maus? Klappe zu, Affe tot? Das wäre ja irgendwie ganz schön traurig. Wir haben einen genaueren Blick auf die Entwicklungen auf dem Markt geworfen und den DJs in die Taschen geguckt.

So funktioniert digital vinyl:

Auf den ersten Blick sieht alles ganz normal aus: Zwei Plattenspieler, ein Mixer, ein Kopfhörer und ein DJ. Allerdings steht irgendwo noch ein Notebook auf dem Pult und es stecken jede Menge zusätzlicher Kabel in den Geräten.

Auf den Plattenspielern liegen Vinyls, auf die keine Musik gepresst ist. Sie dienen nur als Controller. Über eine DJ-Software können Tracks als mp3 oder in einem anderen Format geladen werden. Mit dem Plattenspieler und der Timecode-Platte werden die Tracks jetzt abgespielt, als wäre es eine richtige Vinyl. Auch Scratchen und die Geschwindigkeit anpassen klappt ohne Probleme.

Die Vorteile von digital vinyl:

- Vinyl sieht schick aus, Vinyl macht was her, Vinyl ist verdammt schwer. Wer schon einmal eine Plattentasche mit 80 Vinyls getragen hat weiß, dass man echt oft ins Fitnessstudio gehen muss, damit der Rücken das auf Dauer mitmacht. Wer mit Timecode-Platten auflegt, dem reicht ein Rucksack mit Notebook, diversen Kabeln, 2 Timecode-Platten, einem Audiointerface (das ist die Schnittstelle zwischen Notebook und dem analogen DJ Equipment) und Kopfhörern.

- Die Wahrheit ist: DJs hassen Musikwünsche. Aber sollte ein Partygast doch mal eine richtig gute Idee für einen richtig guten Track haben, dann könnte aus einem "Hab ich leider nicht dabei" dank WLAN im Club schnell ein "Hab ich leider nicht dabei - aber gleich!" werden. Eben noch im Onlineshop - jetzt auf unserer Showbühne!

Die Nachteile von digital vinyl:

- Machen wir uns nichts vor: Vinyl sieht einfach cooler aus. Ein DJ mit einem Rucksack auf dem Rücken macht irgendwie nicht soviel her als jemand, der mit einem dicken Plattenkoffer im Club ankommt.

- Ein DJ, dessen Kopf ständig vor einem Bildschirm hängt, ist kein cooler DJ.

- Jeder, der eine DJ-Software hat, kann DJ sein. Die Notwendigkeit, sich die Skills richtig anzutrainieren, fällt quasi weg, wenn man den "Sync"-Button gefunden hat. Einmal drücken und schon laufen beide Tracks synchron, da galoppiert kein Beat, butterweiche Übergänge sind garantiert. Deshalb arbeiten die Entwickler von DJ-Software immer mehr daran, aus digitalem Auflegen einen Live Act zu machen. Das reine Abspielen von Platten ist so 2011... ein digitaler DJ, der etwas auf sich hält, arbeitet mit eigenen Loops, Samples etc., um das Partyvolk bei Laune zu halten. Oder lässt die Finger vom "Sync"-Button.

Vinyl is not dead!

Auch wenn immer mehr DJs die Vorzüge digitalen Auflegens für sich entdecken - an anderer Stelle erlebt Vinyl eine Art Revival. Der Bundesverband Musikindustrie, kurz BVMI, hat gerade die neuen Umsatzzahlen veröffentlicht. Zwar zeigt die Statistik, dass der Download von Alben und einzelnen Titeln im letzten Jahr in Deutschland um knapp 29 Prozent zugelegt hat. Allerdings ist auch die Schallplatte beliebter geworden. Ein Plus von fast 20 Prozent kann das schwarze Gold verzeichnen. Anscheinend wollen sich mehr Leute ihre Lieblingsplatten auf Vinyl sichern, und das macht auch Sinn: Denn nichts klingt geiler als Vinyl. Word.