Happy Birthday, Lady Gaga!

"The Art of Fame": Das Phänomen Lady Gaga

Lady Gaga feiert heute ihren 26. Geburtstag. VIVA gratuliert der Pop-Ikone und erklärt das Phänomen Lady Gaga!

Das Phänomen Lady Gaga

“I wanted to revolutionise pop music”, sagt Lady Gaga in einem Interview mit “CBS News” und lächelt in die Kamera. Und weiter: “…I artdirect every moment of my life!”. Wer ist diese Monster-Frau, die so perfekt ausgeleuchtet den Moderator anblinzelt? Ein Freak mit zu viel Schminke im Gesicht? Eine Kunstfigur? Irgendwie nicht von dieser Welt. Lady Gaga muss ein Alien sein. Ein Alien, der sich zum Ziel gesetzt hat, sich in die Gehirne der Menschen einzubrennen. Ein Kleid aus echtem Rindfleisch, der Refrain “My p-p-p-poker face, my p-p-poker face” oder ein Penis-Gerücht, irgendetwas wird in jedem Gehirn abgerufen, wenn der Name Lady Gaga fällt.

Statistisch gesehen kennt jeder sechste Mensch der Welt Lady Gaga und hat sich laut “Youtube” ein Video der Künstlerin auf selbigem Kanal angesehen. Seit 2008 geht das jetzt so. Grammys, MTV-Awards, Echos. Das US-Magazin “Forbes” bestätigt: Lady Gaga ist die erfolgreichste Entertainerin der Welt. Mit über 75 Millionen verkauften Tonträgern und Jahreseinnahmen von circa 90 Millionen Euro ist Lady Gaga dick im Geschäft. Und schafft in nur drei Jahren, wofür andere Jahrzehnte brauchten: Sie wird zur lebenden Legende.
Lady Gaga revolutioniert die Popmusik des neuen Jahrtausends und wird zu einer neumodernen Madonna. Nur ist sie schneller, will höher, weiter und bleibt dabei vor allem eins – undurchsichtiger. Gagas Wille ist ungebrochen: Sie will “Fame”, was auf Deutsch so viel heißt wie Ruhm, ohne ihr Privatleben in die Öffentlichkeit zu ziehen, ohne dabei einen Seelenstrip hinzulegen. Sie will Kunst schaffen, ihre Musik nach vorne bringen und die berühmteste Entertainerin der Welt sein. Um ihre Ziele zu erreichen legt sie eine perfektionistische Ader an den Tag, nichts ist dem Zufall überlassen, alles ist bis ins Kleinste konstruiert. Ihr Sternzeichen: Widder. Doch wieso hat Lady Gaga einen so extremen Erfolg? Was unterscheidet sie von anderen Künstlern? Und warum folgen ihr 14 Millionen Menschen beim Mikroblogging-Portal “Twitter” und 43 Millionen beim sozialen Netzwerk “Facebook”, wenn doch jeder Schritt inszeniert erscheint? Wollen ihre Fans eine Maschine ohne jegliches Gefühl? MTV machte sich auf die Suche nach Antworten.

  • Das Web 2.0-Talent*
“Fame" scheint Lady Gaga sehr wichtig zu sein. Ihr erstes Album nannte sie "The Fame", ihr zweites Album "The Fame Monster". Was der Ruhm der 26-jährigen New Yorkerin mit italienischen Wurzeln, die eigentlich Stefani Joanne Angelina Germanotta heißt, wirklich bedeutet, erklärte sie kurz nach dem Erscheinen ihres ersten Albums in einem Interview mit dem "Bonner General Anzeiger”: “Mich verwirrt, wie wichtig dieses Berühmtsein heute in der Gesellschaft genommen wird. Als wenn es keine anderen Werte mehr gäbe. Ich will nicht eine dieser öden Hollywood-Berühmtheiten sein. Ich definiere Ruhm anders.” Und wie? Professor Martin Kupp von der Wirtschafts-Universität “ESMT” in Berlin untersuchte mit seinen Co-Autoren Jörg Reckhenrich und Jamie Anderson in der Fallstudie “Lady Gaga: Born This Way”, warum Lady Gaga so erfolgreich ist und was Manager sich von dem Superstar abgucken können. Denn Lady Gaga feiert ihren Ruhm scheinbar anders. Und das vor allem im Internet.

Professor Kupp erklärt Gagas Erfolg so: “Lady Gaga hat verstanden, dass Social Media keine One-Way-Kommunikation ist. Ihr geht es um Emotionen, Engagement und Aktivität.” Gut, aber andere haben ebenfalls Twitter- und Facebook-Accounts, damit kann man heute auch keinen Preis mehr für Individualisten gewinnen. Es sei denn, man “erschafft eine Welt aus verschiedenen Bereichen, von Musik über Mode bis hin zu Kunst”, so Kupp weiter. “Es ist nicht richtig klar, ob sie eine Musikerin, eine Künstlerin oder eine Designerin ist.” Gaga ist alles. Alles zu ihrer Zeit. Und ihren Fans gefällt es. “Lady Gaga ist das perfekte Beispiel, dass es in bestimmten Segmenten eben nicht mehr nur um das einzelne Produkt geht, sondern um eine Gefühlswelt. Fans wollen nicht nur ihre Musik hören, sondern auch wissen ‘Wer ist Lady Gaga? Wer sind wir? Und wohin geht die Reise?’”. Unternehmensberater Dr. Stefan Hagen geht in seinem Vortrag über das “Lady Gaga Prinzip” noch weiter und beschreibt ihre erfolgreichen Tools, von denen Unternehmer lernen sollen, so: “Lady Gaga ist einzigartig. Sie polarisiert, emotionalisiert und fällt auf. Sie entwickelt sich laufend weiter, erfindet sich ständig neu. Und sie kommuniziert mit ihren Fans, die sie mit ‘Little Monsters’ anspricht, kontinuierlich und direkt. Gemeinsam mit ihrem Management geht sie sehr strategisch vor. Man hat den Eindruck, nichts passiert im Zufall.”

Und vor allem: Lady Gaga glaubt an sich selbst und liebt es ihren Individualismus und ihre ganz eigene Kunst zu feiern. Gaga: “Ich bin so weit gekommen, weil bei mir der Ruhm von innen kommt. Mit Geld hat das nichts zu tun. Sondern damit, dass du treu zu deinen Ideen, zu deiner Vision, zu deiner Persönlichkeit stehst. Das ist die Botschaft meiner Lieder: Jeder soll seinen individuellen Ruhm erreichen. Und nicht fragwürdigen Vorbildern nacheifern.” Ganz ohne fremde Hilfe geht es aber eben doch nicht. Neben einem 360-Grad-Vertrag mit dem Label Interscope, der dafür sorgt, dass Lady Gaga in allen Bereichen gefordert und gefördert wird, gibt es das “Haus of Gaga”. Die Kreativ-Fabrik von Stefani Germanotta. Hier werden neue Ideen geschmiedet und umgesetzt. Bühnenbilder, Outfits, Accessoires, alles, was Gaga braucht für ihren nächsten spektakulären Auftritt. Das “Haus of Gaga” arbeitet zusammen mit anderen Kreativen, die sich zum Teil noch im “Untergrund” befinden und wissen, was die Jugend will: Jungdesigner, wie Zaldy Goco, der für Gaga mehrere Kostüme für “The Monsters Ball”-Tour entwarf, gehen im “Haus of Gaga” genauso ein und aus, wie Giorgio Armani oder Marc Jacobs. Das “Haus of Gaga” funktioniert wie einst die “Factory” von Andy Warhol, nur mit mehr Geld. Was aber beide verbindet: Die Faszination für Abgründe und Oberflächen der Populärkultur.

Lady Gaga überrascht. Immer wieder neu. Sie schockt. Mit einer konsequenten Nichteinhaltung der gewohnten Formen. Sie überzeichnet bei ihren Outfits ihre Schultern, ihre Hüften, läuft auf Schuhen, die aussehen wie eine Krankheit. Lady Gaga ist sich dessen bewusst und sie macht es extra. Denn wenn etwas in den Köpfen hängen bleibt, dann sicher nichts Gewöhnliches. Doch ihr Aussehen ist nicht billig, es ist immer künstlerisch angehaucht. Gaga schockt nicht mit nackten Brüsten oder einem freigelegten Hinterteil, sie schockt durch das Aufbrechen von Konventionen. Ihre Performances bleiben im Gedächtnis, weil sie anders sind. Ein Klavier, das nicht auf dem Boden steht, sondern an dem Lady Gaga in Schwindel erregender Höhe spielt, ein Kleid aus echtem Fleisch, eine Frisur, so hässlich wie von Dracula.
Lady Gaga entspricht nicht dem typischen Schönheitsideal, ist aber dennoch interessanter als jede Hollywood-Schönheit, weil sie sich aus dem Promi-Zirkus befreit zu haben scheint. Und das Gefühl eines einmaligen Erlebnisses hinterlässt. Jeder fragt sich: Was kommt als Nächstes? Denn wenn Lady Gaga irgendwo aufkreuzt, dann ist eines sicher: Es wird etwas Besonderes. Lady Gaga: “Wenn ich meine Musik schreibe, dann denke ich bereits darüber nach, was ich dazu auf der Bühne anziehen will. Es geht um Kunst, um eine Performance, es muss alles zusammen passen und eine richtige Story werden. Ich will, dass das Bild so stark ist, dass die Fans uns essen wollen, uns probieren wollen, jeden kleinen Teil von uns.”

Besser als Madonna, skurriler als Gwen Stefani: Lady Gaga schreibt Musikgeschichte

Ruhm, Ehre und viel Selbstvermarktung sind aber natürlich nur die Spitze des Eisbergs, die dazu führten, das Lady Gaga ist, was sie ist: Die erfolgreichste Entertainerin der Gegenwart. Doch ohne ihre Musik wäre Lady Gaga nichts, ihre Musik ist bis heute das Schmiermittel im Gesamtkunstwerk Lady Gaga. Ein Rückblick: Die kleine Stefani Joanne Angelina Germanotta lebt in New York, gemeinsam mit ihrem Vater Joseph Germanotta, der als Internetunternehmer arbeitet, ihre Mutter Cynthia, die als Telekommunikationsassistentin tätig ist und ihrer kleinen Schwester Natali Germanotta. Mit vier spielt sie das erste Mal Klavier. Mit 13 schreibt sie ihre erste Ballade, mit 14 tritt sie bei Open-Mic-Veranstaltungen in New Yorker Clubs auf. Gaga vergräbt sich in ihrer Musik, denn im richtigen Leben ist sie der Außenseiter. Sie drückt die Schulbank mit Paris und Nicky Hilton auf der Elite-Highschool “New Yorker Convent Of The Sacred Heart” und eckt durch ihre expressionistische Art an. Doch statt aufzugeben, wird Lady Gaga noch kreativer, lässt ihren ganzen Frust in ihrer Musik raus.

Bereits mit 17 wird sie vorzeitig an der “Tisch School of the Arts” an der New York University zugelassen. Hier studiert sie vier Semester, übt sich im Songwriting und beschäftigt sich mit Themen aus den Bereichen Kunst, Religion, Soziales und Politik. Mit 18 zieht sie aus ihrem Elternhaus aus, bricht das Studium ab und will sich voll und ganz auf ihre Kunst konzentrieren. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, arbeitet sie als burlesques Go-Go-Girl in einer Schwulen-Bar in der Lower East Side von New York. 2006 veröffentlicht sie noch unter ihrem richtigen Namen ein Album mit dem Namen “red and blue”, lernt im gleichen Jahr den Musikproduzenten Rob Fusari kennen.

Gemeinsam arbeiten sie an Songs, wie “Paparazzi” und “Beautiful, Dirty, Rich”, die 2008 auf Lady Gagas Debüt-Album “The Fame” erscheinen. Fusari schickt die Lieder seinem befreundeten Produzenten und Manager Vincent Herbert, der die Lieder bei seinem Label Streamline Records, das an Interscope angeschlossen ist, aufnimmt. Der Kontakt zu Interscope ist hergestellt, 2007 nimmt das Label Lady Gaga als Songwriterin unter Vertrag. Sie schreibt Songs für Britney Spears, Akon und Rihanna. Doch Gaga arbeitet auf Hochtouren an ihrer eigenen Karriere weiter, Interscope erkennt ihr Talent und bietet ihr den besagten 360-Grad-Vertrag an. Ihr Debüt-Album “The Fame” erscheint 2008 und Gaga wird über Nacht zum gefeierten Superstar. Bis heute veröffentlichte sie drei Studioalben: “The Fame”, “The Fame Monster” und “Born This Way”, das im Mai letzten Jahres erschien. Bisher verkaufte Gaga über 75 Millionen Tonträger, wurde erst kürzlich zur “Queen of Download” ernannt. Von ihrer Single “Born This Way” wurden innerhalb von drei Tagen 448.000 Downloads verkauft, der größte Absatz eines Debüt-Songs einer weiblichen Künstlerin.

Lady Gaga, der Star mit Ecken und Kanten

Lady Gaga ist nicht der kühle Eisklotz, wie zuerst angenommen. Sie ist ein Freak, der zur Kunstfigur wurde. Ein früherer Aussenseiter, der zum Weltstar mutierte, in dem er all seine Ängste, Sorgen und Befürchtungen in seiner Musik auslebte. Und so zeigt sich Lady Gaga in Interviews erstaunlich gefühlvoll, was komisch ist, denn ihre Maske aus Schminke, Perücken und Kostümen lässt das in unseren Gehirnen erst nicht zu und man stutzt, ist irritiert. Ihre Outfits bringen eine Unnahbarkeit herüber, eine Kühle, die dann durch Gagas Worte gebrochen werden. In einem Interview, dass sie beim Internetkonzern “Google” gab, fragte die Moderatorin beispielsweise, welcher Rat Gagas Leben verändert hatte.

Und Gaga überlegte kurz und antwortete dann ungekünstelt: “Ein Freund hat mir mal gesagt: Wenn du keine Schatten hast, dann stehst du nicht im Licht.” Und daran denke sie immer, wenn sie ihre eigene Unsicherheit verunsichert, sie aus dem Konzept bringt, aus der sie aber so viel schöpfen könne. Lady Gaga hofft, dass ihre Fans sich ein Beispiel daran nehmen und das man nicht das Bestreben haben sollte perfekt sein zu wollen, dass es viel wichtiger sei, für sich selber einzustehen, sich selbst treu zu sein und auf die Stimme seines Herzens zu hören. Denn nur dann kann man zu dem Menschen werden, der man wirklich ist. Ihre Fans lieben Lady Gaga für ihre Ehrlichkeit und dafür, dass sie ihnen Mut macht, so zu sein, wie sie sind und sich nicht zu verbiegen. Und Gaga macht es geschickt, via Twitter und Facebook postet sie Links zu Fans, die ihre Lieder nachsingen und lobt ihre “Little Monsters” was das Zeug hält.

Dann wieder streut sie einen Link, in dem sie sich für die Rechte von Homosexuellen stark macht, ebenfalls eine Minderheit, zu der sie sich hingezogen fühlt, denn auch sie ist, nach eigenen Aussagen, bisexuell. Gagas Fans fiebern via Internet mit, drücken Daumen für Gagas nächsten großen Auftritt, denken über Homosexualität nach und über Geschlechterrollen. Darüber, was zu freizügig ist, was Kunst ist, was Pornografie und was kriminell. Für alle, die es nicht wissen, die Lieder “Paparazzi” und “Telephone” sorgten für Furore, da Lady Gaga in ersterem einen Mann vergiftet, in “Telephone”, der Fortsetzung, wandert sie dafür in den Knast und bandelt mit Beyoncé Knowles an. Edutainment, also lernen mit Unterhaltungswert, der Güteklasse A. Und das Schönste an der ganzen Geschichte kommt zum Schluss: Lady Gaga ist trotz Verwirrungen, die sie verursacht, trotz hässlicher Outfits und trotz Liedern, die den einen oder anderen nerven mögen, der authentischste Star der Jetztzeit.

Mittwoch, 28. März 2012