Hackers vs. Industry: Ende des wilden Internets?

MegaUpload - die illegale Filesharing-Plattform wurde geschlossen

In der vergangenen Nacht führte die US-Regierung einen Schlag gegen Internet-Piraterie. Die beliebte, aber illegale Filesharing-Plattform MegaUpload wurde von Behörden vom Netz genommen. Der Gründer und Betreiber der Seite, der deutsche Hacker Kim Schmitz (37) alias Kim Dotcom, wurde in Neuseeland zusammen mit drei seiner Komplizen festgenommen, Besitztümer der Gruppe im Wert mehrerer Millionen Dollar wurden beschlagnahmt.

15 Minuten nachdem MegaUplaod vom Netz genommen wurde, führte die internationale Hackergruppe Anonymous einen Vergeltungsschlag gegen Webseiten des US-Justizministeriums und der weltweit größten Plattenfirma Universal Music aus. Mit sogenannten “Denial-of-Service”-Attacken wurden die Interpräsenzen lahmgelegt.

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So funktionieren die DoS-Attacken von Anonymous: Über ein ferngesteuertes Rechnernetz werden von wechselnden Accounts aus simultan Anfragen
an eine Website der Anonymous-Gegner gestellt. Der
Firewall-Rechner der der angegriffenen Seite kann nicht unterscheiden, welches Datenpaket von einem echten Kunden kommt und welches von Anonymous. Irgendwann ist der Server überlastet und verweigert den Dienst DoS, Denial of Service. Die angegriffene Website kann nicht mehr aufgerufen werden.

Die Vorgänge der letzten Nacht werfen die Frage auf:
Droht das Ende des wilden Internets?

“Das Ende des Internets, wie wir es kennen.” – So beschreibt US-Abgeordnete Zoe Lofgren die Folgen des “Stop Online Piracy Act” (SOPA). Eine sehr drastische Sichtweise, die allerdings von nicht wenigen Experten geteilt wird. Als Abgeordnete für den Wahlkreis Silicon Valley ist sie besonders sensibilisiert für Einschränkungen im Internet. Doch was bedeutet SOPA überhaupt und müssen wir wirklich befürchten, dass “unser Internetz kaputt gemacht wird”, von Leuten, die es gar nicht so doll lieben wie wir? Damit alle auf dem gleichen Stand sind und nicht im Wust der Abkürzungen ersticken, ist es notwendig, zuallererst möglichst sachlich zu erläutern, welche Maßnahmen SOPA ergreifen will und was das für Folgen haben könnte.

Hinter der klangvollen Abkürzung SOPA verbirgt sich nicht etwa ein weiterer profilloser “Call of Duty”-Hauptcharakter, sondern ein Gesetzesentwurf, den der Abgeordnete Lamar S. Smith im Repräsentantenhaus vorgestellt hat. Das Gesetz zielt auf den Schutz von Urheberrechten im Internet, der besonders durch die zunehmende Globalisierung nicht mehr gewährleistet werden kann. Ziel ist es, die internationale Piraterie einzudämmen und Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zu sichern. Um dieses Ziel zu erreichen und die Barrieren internationaler Gesetze zu überwinden, sieht SOPA vor, dass US-Gerichte im Schuldfall den Copyright-Inhabern Möglichkeiten bieten, gegen den Angeklagten vorzugehen. Das ist so im Moment nicht möglich. Betreibt ein US-Bürger einen Server im Ausland, beispielsweise in Russland (.ru) oder Tonga (.to), kann ein Gericht nicht gegen die Urheberrechtsverletzungen vorgehen, da sich der Server in fremdem Staatsgebiet befindet und damit nicht mit amerikanischen Gesetz belangt werden kann. Durch SOPA bieten sich dem Copyright-Inhaber zahlreiche Möglichkeiten. Er kann verfügen, dass keine US-Firma mehr auf der betroffenen Seite werben darf, er hat die Möglichkeit Kooperationen der Seite mit Bezahldiensten wie PayPal zu unterbinden und kann außerdem verhindern, dass die Website bei der Suche mit einer Suchmaschine angezeigt wird. Käme es zur Verabschiedung dieses Gesetzes und ein amerikanischer Gerichtscourt würde eine Seite wegen Copyright-Verletzungen verurteilen, wäre der Provider gezwungen, zu verhindern, dass US-Bürger auf diese Seite zugreifen können. Und das ganze innerhalb von fünf Tagen.

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Besonders interessiert an diesem Gesetz und deshalb äußerst engagiert in der Lobbyarbeit sind die Motion Picture Association of America (MPAA) und die Recording Industry Association of America (RIAA). Um das Ausmaß der internationalen Filmpiraterie aufzuzeigen, veröffentlichte die MPAA ihre jährlichen Umsatzeinbußen und gab einen Schaden von 20,5 Milliarden US-Dollar an. Die Musikindustrie wird sicherlich in das Klagelied einstimmen und sieht durch den “Stop Online Piracy Act” endlich Licht am Ende des Tunnels. Die beiden Hauptargumente der SOPA-Befürworter sind der Schutz des geistigen Eigentums und die Sicherung von Arbeitsplätzen in den USA. Jeder Film und jeder Song sind Eigentum der jeweiligen Besitzer. An jedem Film hängen tausende Arbeitsplätze. Das sind ganz offensichtlich Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren, Kameramänner, Ton-, und Lichttechniker, dazu kommen aber noch Verleiher, Kinobesitzer, Kulissenbauer und in letzter Instanz sicherlich auch Popcorn-Fabrikanten. In der Musikbranche sieht das nicht anders aus. Durch diese Aufzählung wird klar, wie groß das Ausmaß der durch internationale Film- und Musikpiraterie bedrohten Arbeitsplätze in den USA ist. Dem ganzen soll ein Riegel vorgeschoben werden. In erster Linie den sogenannten “rogue sites”.

Diese “Schurkenseiten” sind die oben bereits erwähnten Internetseiten, die ihre Server im Ausland haben und mit urheberrechtlich geschützten Inhalten Profit machen. Noch sind diese “rogue sites” über die gängigen Suchmaschinen zu erreichen, haben Werbeverträge mit US-Firmen und können von US-Bürgern genutzt werden. Das sollte sich bald ändern, findet zumindest Lamar Smith.

Freitag, 20. Januar 2012