"Du kennst mich nicht, doch du warst in mir drin, und deshalb sind wir heute hier"

Diesen krassen Brief bekam der ehemalige Stanford-Student Brock Turner von seinem Vergewaltigungsopfer

Der Richter, der über das Schicksal von Brock Turner entschied, gab bekannt, dass eine längere Strafe als 6 Monate ‘gravierende Auswirkungen’ auf Brock haben könnte. Einem Meisterschwimmer, der sogar mal bei den Olympischen Spielen mitschwimmen wollte. Dieses Argument wurde während des Gerichtsprozesses auffällig oft genannt.

Nun meldet sich das Opfer selbst zu Wort. Und bringt die Massen zum Toben. Der Originalbrief ist ganze 9 Wordseiten lang (Schriftgröße 12, Format Arial). Wer sich die volle Version auf Englisch durchlesen will, Klicke hier. Wir haben für euch eine verkürzte Version übersetzt. Ab jetzt bitte stark bleiben. Diese Worte gehen ganz schön unter die Haut.

Herr Vorsitzender, wenn es für sie in Ordnung ist, würde ich mich mit den folgenden Worten gern an den Beklagten selbst richten.

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Du kennst mich nicht, doch du warst in mir drin, und deshalb sind wir heute hier. Der 17. Januar 2015 war ein stiller Samstagabend. Mein Vater hatte unser Abendessen gemacht und wir saßen zusammen mit meiner jüngeren Schwester am Tisch. Sie war über das Wochenende zu Besuch gekommen. Ich arbeitete damals in Vollzeit und musste bald zu Bett gehen. Eigentlich hatte ich vor zu Hause zu bleiben. Ein wenig fernschauen, lesen. Meine Schwester wollte währenddessen mit ihren Freunden auf eine Party. Doch dann dachte ich mir: Hey, das ist der einzige Abend, den du mal wieder mit ihr verbringen könntest. Du hast nichts besseres zu tun, also warum nicht? Geh mit ihr mit. Es findet ’ne blöde Party statt, grad mal 10 Minuten von uns weg.

Ich hatte vor hinzugehen, ein wenig zu tanzen, wie ein Idiot. Und meine Schwester dazu zu bringen, sich für mich und meine peinlichen Moves zu schämen. Auf dem Weg dort hin machte ich Witze über die jungen Typen, auf die ich dort stoßen würde. Kleine Boys mit Zahnspange. Meine Schwester mobbte mich dafür, dass ich ein Omaoberteil trug. Wie eine Bibliothekarin. ‘Big Mama’ scherzte ich. ‘Das werd ich sein.’ Weil ich wusste, dass ich dort, die Älteste sein würde.

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Ich hab mich entschieden, nicht so verklemmt zu bleiben und mit meiner Schwester möglichst viel aus dem Abend zu machen. Ich hab mich locker gemacht, lustige Grimassen gezogen und viel und schnell getrunken. Dabei habe ich leider vergessen, dass ich nicht mehr ganz so viel vertrage wie früher, zu Collegezeiten. Ehe ich mich versah, wachte ich auf einer Liege auf. In einem Flur. Ich sah trockenes Blut und Verbände auf dem Hinterrücken meiner Hände und an meinen Ellenbogen. Ich dachte, dass ich vielleicht hingefallen bin und nun im Sekretariat der Uni bin. Ich war ruhig, habe mich nur gefragt, wo meine Schwester wohl ist. Dann erklärte mir ein Stellvertreter, dass ich angegriffen worden bin. Ich blieb weiterhin cool und erklärte ihm, dass er wohl zur falschen Person spricht. Ich kannte niemanden auf der Party.

Als ich endlich auf Toilette durfte, zog ich die Krankenhaus-Hosen runter, die mir gegeben worden waren, wollte als Nächstes meine Unterhosen runterziehen, als ich bemerkte, dass dort nichts war. Ich erinnere mich noch an die Leere die ich empfand, als ich mit meinen Händen nach meiner Unterwäsche greifen wollte und stattdessen nur meine nackte Haut spürte. Ich schaute hinab und dort war nichts. Das dünne Stück Wolle, der einzige Gegenstand der meine Vagina vor der Außenwelt bedeckte war weg. Und alles in mir geriet ins Schweigen. Ich kann dieses Gefühl noch immer nicht beschreiben. Um weiter atmen zu können, sagte ich zu mir selbst, dass die Polizei vielleicht einfach die Unterwäsche mit einer Schere wegschneiden musste, um Beweise zu sammeln.

Als Nächstes spürte ich Tannennadeln an meinen Haaren. Ich dachte, dass vielleicht einfach welche von einer Tanne gefallen und auf meinem Kopf gelandet waren. Ich musste meine ganze Kraft aufwenden, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Denn alles in mir schrie: Hilf mir. Hilf mir.

Ich lief von einem Raum zum Nächsten, gehüllt in eine Decke. Die Tannennadeln fielen herunter und blieben überall wo ich gewesen war. Ich wurde darum gebeten, Papiere zu unterschreiben, auf denen ‘Vergewaltigungsopfer’ stand. Das war der erste Moment an dem ich mir dachte, dass etwas passiert sein muss.

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Ich wurde eingehend untersucht (Fotos meiner gespreizten Beine, Tupfer die in meine Vagina und meinen Anus geschoben wurden). Im Anschluss durfte ich duschen gehen. Ich weiß noch, dass ich mir in diesem Moment wünschte, nicht mehr meinen Körper zu haben. Ich hatte Angst vor ihm. Vor meinem eigenen Körper. Ich wusste nicht, was in ihm gewesen war, ob er verschmutzt worden war, wer ihn berührt hatte. Ich wollte meinen Körper ablegen, wie eine Jacke, und ihn einfach im Krankenhaus lassen.

Man sagte mir an diesem Tag nichts weiter, außer, dass ich höchstwahrscheinlich vergewaltigt worden war. Man hatte mich nämlich hinter einer Mülltonne gefunden. Jetzt sollte ich noch einen HIV-Test machen und dann zurück ins Leben gehen. Möglichst Normal weiterleben. Normal…

Auf meiner Arbeit fand ich heraus, dass ich wirklich vergewaltigt worden war. Auf meiner Arbeit! Ich schaute dort die neuesten Nachrichten durch und fand einen Artikel. Er beschrieb furchtbare Details über meinen Zustand. Details, die ich selbst noch nicht gekannt hatte. Denn für mich war der Abend verzerrt. Ein Riss in meinem Film. Mein BH war runtergeschoben worden. Mein Kleid gab meine Brüste frei. An der Hüftpartie war es hochgezogen worden. Ich war splitternackt, bis auf meine Stiefel. Meine Beine waren gespreizt und jemand war in mir eingedrungen. So fand ich mehr über mein Schicksal heraus. Während die ganze Welt da draußen das laß, wusste ich zum ersten Mal, was wirklich mit mir passiert war. Das Beste war dann aber ein Satz in dem Artikel, den ich nie vergessen werde. Ich soll es gemocht haben. Gemocht haben. Wie wenn man liest, dass ein Auto einen Unfall hatte. Vielleicht hat das Auto ja den Unfall gemocht. Es ist zwar kaputt, bis zu dem letzten Stück Rost, aber hey, vielleicht hat der Aufprall dem Auto ja Spaß gemacht. Und was mir dann noch als Nächstes auffiel war, wie seine Schwimmerkarriere gepriesen wurde. Immer wieder. Sie wurde noch atmend vorgefunden, jedoch in Ohnmacht. Ihre Unterwäsche bis zum Boden. Knie in Embryonalstellung. Übrigens: er ist ganz schön gut im Schwimmen. Ich kann gut kochen, falls es irgendwen interessiert.

Ein ganzes Jahr hatte ich damit zu kämpfen, Menschen davon zu überzeugen, dass diese Geschichte uns allen eine Lehre sein sollte. Dass es falsch war, was du getan hast. Als man mir sagte, dass ich mich darauf vorbereiten sollte, den Fall zu verlieren, antwortete ich, dass ich darauf nicht vorbereitet sein würde. Du bist schuldig. Ab dem Moment an dem ich aufgewacht bin, warst du es. Niemand kann mir den Schmerz nehmen, den du mir zugefügt hast. Du nahmst nicht nur meinen Körper, du nahmst auch meine Stimme, meine Macht, meine Ehre. Denn du versuchst die Situation zu verharmlosen. Und dafür nutzt du meinen Filmriss aus. Anstatt mir Zeit für mich selbst zu nehmen, um mit dieser ganzen Situation klarzukommen, musste ich von Bericht zu Bericht düsen. Aussagen machen. Die Nacht wiedererleben, immer und immer wieder. Um alles noch dreister zu machen, sagtest du aus, dass ich nach einer Minute einen Orgasmus hatte. Die Ärztin sagte mir, dass in meiner Vagina Abschürfungen, Einrisse und Schmutz vorgefunden wurden. War das bevor oder nachdem ich kam?

Du hast mir und meiner Familie einen Schaden angefügt, der nie mehr in meinem ganzen Leben repariert werden kann. Ich dachte nach dem Gerichtsverfahren, dass alles nun fertig sei. Du würdest deine Schuld gestehen, du würdest die faire Strafe erhalten und dann könnte ich endlich alles abhaken. Doch dann laß ich deine Aussage. Wenn du darauf hoffst, dass meine Organe vor Wut explodieren und ich sterbe, dann nur weiter so. Ich bin kurz davor. Dies ist nicht eine weitere Collegegeschichte von betrunkenen Teenies. Es geht um eine Vergewaltigung. Vergewaltigungen passieren nicht durch einen Unfall.

Dem Officer habe ich gesagt, dass es nicht mein Wunsch ist, dass Brock hinter Gittern verrottet. Ich wünsche mir lediglich, dass er seine Schuld eingesteht. Die Empfehlung, ihn für gerade einmal ein Jahr oder noch weniger ins Gefängnis zu stecken, ist eine Beleidigung. Nicht nur an mich, sondern an alle Frauen dieser Welt. Sie gibt den Eindruck, dass eine Vergewaltigung nichts Schlimmes ist. Dass ein Fremder in dich eindringen kann, ohne dein Einverständnis, und dass das ok ist.

Es ist oft darauf hingewiesen worden, wie jung Brock ist. Er ist 20 Jahre alt. Meiner Meinung nach ist er alt genug um zu wissen was richtig und was falsch ist. Mit 18 ist man in diesem Land bereits alt genug, um in den Krieg zu gehen. Brock sollte alt genug sein, um für seine Handlungen bestraft zu werden. Die Strafe für eine Vergewaltigung sollte so einschüchternd sein, dass sie Menschen davon abhält, sie zu tun. Die Tatsache, dass Brock ein Ausnahmeschwimmer von einer Privatuni war, sollte diesen Fall gerade deshalb wichtig machen: Um der Gesellschaft zu zeigen, dass du bestraft wirst, egal aus welcher sozialen Schicht du kommst.

Wem ich am Ende danken möchte, ist den zwei Fahrradfahrern, die mich gerettet haben. Ich habe über mein Bett eine kleine Zeichnung von zwei Fahrrädern gehängt. Ich werfe einen Blick auf sie, ehe ich nachts schlafen gehe, denn sie symbolisieren für mich, dass es auch in dieser Geschichte Helden gibt. Dass wir eine Gesellschaft sind. Dass wir aufeinander aufpassen. Und vor allem aber, an alle Mädchen dieser Welt: Ich bin mit euch. An Nächten, wenn ihr euch alleine fühlt: ich bin mit euch. Wenn Menschen an euch zweifeln, oder euch nicht glauben: Ich bin mit euch. Ich habe für euch gekämpft, jeden Tag. Also hört nie auf zu kämpfen. Ich glaube an euch. Wie es einst die Autorin Anne Lamott sagte: ’Leuchttürme rennen nicht durch die Gegend und suchen nach Booten, die gerettet werden müssen. Sie stehen einfach da und leuchten.

Auch wenn ich nicht jedes Boot retten kann, so hoffe ich doch, dass meine heutige Rede euch ein klein wenig Licht gegeben hat. Ein kleines bisschen Wissen, dass ihr nicht zum Schweigen gebracht werden könnt. Ein kleines bisschen Befriedigung, dass es Gerechtigkeit gibt. Ein kleines bisschen Gewissheit, dass wir uns einem Ziel nähern. Und vor allem aber, einem großen Wissen darüber, dass ihr wichtig seid; ohne Frage. Ihr seid Unantastbar. Wunderschön. Ihr werdet Gewertschätzt. Respektiert. Jede Minute, jeden Tag. Ihr seid stark. Und das kann euch keiner nehmen. An alle Mädchen dieser Welt: Ich bin mit euch. Danke.

Mittwoch, 08. Juni 2016